Stillstand

Stillstand

Ich verdränge.
Ich ignoriere.
Ich schotte mich ab.

Über 100 Tage lässt sich mein Körper nun schon wieder Zeit.
Kein Eisprung, keine Periode – nichts.
Keine Hoffnung. Keine Lösung.

Woran es liegt? Stress? Hormone?
Ich weiß es nicht.
Aber ich funktioniere nicht.

Also funktioniere ich.
Ich verdränge.
Ich ignoriere.
Ich schotte mich ab.

Lass die Gedanken nicht durch. Denn dann breche ich zusammen.
So wie letztens. Vor Publikum. Im Lehrerzimmer.
Dann laufen die Tränen, die Verzweiflung wächst wieder ins Unermessliche.
So wie jetzt gerade. Während ich das tippe.

Also verdränge ich.
Und funktioniere.
Irgendwie.

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Die zweite Jahreshälfte

Die zweite Jahreshälfte

Ich mag die zweite Jahreshälfte nicht.

Vor zwei Jahren war ich jetzt mit den Zwillingen schwanger.

Vor einem Jahr war ich beinahe schon mit unserer Tochter schwanger.

Im Oktober vor zwei Jahren starben die Jungs, im Dezember vor einem Jahr unser Mädel. Im November letzten Jahres kam ich ins Krankenhaus. Sechs quälende Wochen lang – am Ende für nichts.

Und jetzt? Keine Aussicht auf eine Schwangerschaft. Momentan nicht mal mehr auf einen Eisprung. Gut 60 Tage dauert dieser Zyklus nun schon.

Ich messe keine Temperatur mehr, ich nehme keine Medikamente mehr, ich hoffe nicht mehr.

Ich versuche zu überleben. Verdränge, so gut es geht. Ignoriere vieles, was mich an all das erinnert. Verschließe mich gegen vieles. Lasse Kontakte abbrechen und flüchte mich in Arbeit.

Solange ich das schaffe, geht es mir augenscheinlich gut. Bröckelt die Mauer, bricht der Schutz weg, breche ich zusammen.

Es ist ein schmaler Grad zwischen absoluter Verzweiflung und Leben.

 

Am Abgrund

Am Abgrund

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Quelle: pixabay.com

Nach außen hin geht es mir gut. Ich lächle, ich rede, ich scherze.

Innen stehe ich am Abgrund. Momentan wird es schlimmer statt besser. Und je schlimmer es wird, desto besser verberge ich es nach außen hin.
Flüchte mich in Arbeit, lenke mich mit Serien ab, obwohl ich eigentlich nur gerne all die Gedanken ausschalten können würde.
Mir geht es wie der Person auf dem Bild: ein falscher Schritt, ein falscher Gedanke und ich stürze in den Abgrund.

Über die Einsamkeit

Über die Einsamkeit

Irgendwie fällt es schwer, sich einzugestehen, dass man einsam ist.
Einsamkeit assoziiere ich oft mit älteren Menschen, die wenig soziale Kontakte haben, weil nach und nach alle sterben, die Kinder weggezogen sind und der Partner vielleicht auch nicht mehr lebt.
Aber das stimmt nicht.

Vermutlich pflegen wir deutlich mehr soziale Kontakte dank all der neuen Technik, die es uns erlaubt, permanent in Kontakt zu bleiben. Ob mit alten Freunden oder Bekannten über Facebook oder mit völlig fremden Menschen über Twitter. Oft sammelt man über Jahre einen großen Haufen Kontakte im Telefonbuch an, sieht verschiedene Profilbilder auf WhatsApp kommen und gehen.
Aber all das ändert nichts am Gefühl der Einsamkeit.

Zu Schulzeiten haben gewisse Umstände dazu geführt, dass das Pflegen von Freundschaften verdammt schwierig war (was will man auch machen, wenn man abends nicht lange raus durfte oder nicht an Geburtstagen teilnehmen durfte?).
Und dann lernte ich irgendwann meinen Mann kennen. Auch das war keine ganz einfache Geschichte (aber das ist auch wieder eine andere, lange Geschichte für sich…). Wir lernten uns online kennen. Schon damals war das virtuelle Netzwerk eine willkommene Gelegenheit sich nicht allzu einsam zu fühlen.
So blieben nicht viele Menschen aus meiner Zeit vor dem Studium übrig. Momentan habe ich sogar nur zu einem Kontakt und das ist mein Mann.
Im Studium dann konnte ich schließlich tun und lassen, da gab es einige Menschen, mit denen man sich gerne immer mal getroffen hat.
Jetzt ist da niemand mehr.
Gute Freundschaften gingen aufgrund von Banalitäten zugrunde. Das war nach dem Tod der Zwillinge, kurz bevor ich mit unserer Tochter schwanger wurde. Von der zweiten Schwangerschaft und allem drumherum wissen die Personen bis heute nichts.
Und dann war da noch ein Kommilitone meines Mannes, der eigentlich mehr Freund als nur Kommilitone war. Bis er eine Freundin kennenlernte, die ihn für sich haben wollte. Der Kontakt schlief ein, er zog weg und meldete sich nie wieder. Das war noch vor den beiden Schwangerschaften.
Die letzte Freundschaft ruht momentan aus anderen Gründen. Ich wünschte, es wäre anders, aber ich kann dahingehend momentan nicht aus meiner Haut.

Das klingt gerade nach ganz schön viel Gejammer.
Dabei soll es das gar nicht.
Es gibt da noch ein zwei Personen, mit denen man sich gelegentlich trifft, was trinken geht, ein paar Spiele in gemütlicher Runde spielt… Aber das passiert sehr selten und es reicht mir nicht. Es vertreibt die Einsamkeit nicht. Irgendetwas fehlt.
Es ist unheimlich schwer zu benennen, was genau das ist.

Möglicherweise hat es mit unseren Verlusten und unserer Geschichte zu tun. Das macht es für andere manchmal nicht ganz leicht, weil sie nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen. Gleichermaßen entziehe ich mich gewissen Dingen einfach, weil ich das Thema vermeiden will. Was gerade in unserem Alter nicht so einfach ist. Immer wieder geht es dann doch um Kinder oder die Planung der Zukunft. Also isoliere ich mich.
Aber gleichzeitig gibt es da eigentlich auch niemanden wirklich, von dem ich mich isolieren könnte.
Ehemalige Kommilitonen sind in alle Winde verstreut, die alten Freundschaften nicht mehr existent. Referendarkollegen sind am Ende auch genau nur das: Kollegen, aber keine Freunde. Da ist niemand, der sich in den Ferien einfach mal meldet. Aber selbst wenn doch, ist es nur kurzes, oberflächliches, meist virtuelles Geplänkel – das Gefühl der Einsamkeit bleibt.

In der Regel komme ich damit auch wunderbar zurecht. Ich war als Kind und Teenager oft alleine. Mir reicht auch jetzt meist der Kontakt zu meinem Mann, gemütliche Abende auf der Couch. Doch irgendwie hat sich etwas geändert.
Es macht mir plötzlich etwas aus, keine Freunde zu haben.
Ich fühle mich beinahe minderwertig, anscheinend nicht imstande zu sein, Freundschaften aufzubauen, zu pflegen und zu halten. Schließlich sieht man doch ständig auf Facebook (mittlerweile sehe ich das glücklicherweise nicht mehr, weil gelöscht), wie alle ständig zusammen abhängen, Partys feiern gehen und seit Jahren gemeinsam durch Dick und Dünn gehen.
Jedenfalls sieht es immer so aus.

Das Problem ist: so richtig weiß ich nicht, was mir fehlt.
Jemandem zum Quatschen? Zum Ablenken? Jemandem zum Party machen?
Ich weiß es nicht.
Aber ich weiß, dass ich mich im Moment verdammt einsam fühle.

Erstaunlicherweise bin ich damit auch gar nicht alleine.
Nachdem ich das schrieb, bekam ich einige Rückmeldung, dass es anderen genauso geht, dass sie sich ebenfalls einsam fühlen. Ich glaube, dass es uns dank der sozialen Medien oft nur selten bewusst wird, denn irgendwie steht man doch tagtäglich mit anderen in Kontakt. Nur bleibt der meist oberflächlich, ist nicht zufriedenstellen und kann die Einsamkeit nicht vertreiben.

Pause

Pause

Ich habe keine Kraft mehr. Am liebsten würde ich alles vergessen. Aber das kann ich leider nicht. Es wird immer Teil von mir bleiben.
Momentan wünschte ich, es wäre nicht so. Habe das Gefühl, all das ein wenig von mir abzuspalten. Aus Selbstschutz. Aber so richtig funktioniert es nicht.

Ich kämpfe momentan leiser mit allem, aber heftiger.

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Es dreht und dreht und dreht sich

Es dreht und dreht und dreht sich

Das Hamsterrad.

Heute war es wieder so weit.
Ein weiterer Arztbesuch stand an. Bereits vor Monaten ausgemacht, weil Termine beim Endokrinologen so schwierig zu kriegen sind, fehlte mir heute jegliche Lust auf den Termin. Jegliche Lust, meine Geschichte wieder erzählen zu müssen. Jegliche Lust, mich auf irgendeine Art und Weise wieder mit all dem auseinandersetzen zu müssen.

Mein letzter Zyklus war ja endlich mal ein Lehrbuch-Zyklus. Inklusive positivem Schwangerschaftstest. Also wenigstens für zwei Tage. Dann war alles wieder vorbei.
Es machte jedoch Hoffnung, dass der nächste Zyklus ähnlich verlaufen könnte. Pustekuchen. Inzwischen bin ich bei 40 Tagen angelangt, die ich schon wieder auf den Eisprung warte. Lass es Stress sein, lass es das zu hohe Gewicht sein – es ist mir gerade eigentlich egal. Ich wäre froh, wenn es normal funktionieren würde. Einfach nur, damit es funktioniert. Ich will gerade nicht mehr schwanger werden. Ich hab die Schnauze voll.
Und momentan glaube ich auch weder, dass es so bald wieder klappen wird, noch rechne ich damit, dass es diesmal bleiben oder gut gehen würde.
Dann eben keine Kinder. Ich resigniere inzwischen.

Trotzdem wäre es schön zu wissen, ob mehr hinter den nervigen Gewichtsschwankungen steckt. Ob der Endokrinologe da vielleicht anders auf die Werte guckt als die anderen Ärzte. Behandlungen orientieren sich dann schlussendlich an der Zielstellung. Geht es um Kinderwunsch, wird anders vorgegangen als ohne Kinderwunsch. Aber bis dahin wird noch einige Zeit ins Land gehen.
Heute wurde Blut abgenommen und ich bin mit drei Termine wieder gegangen: es folgen der oGTT und der Dexamethason-Suppresionstest, um das Cushing-Syndrom auszuschließen (sagt Wikipedia) und anschließend ein Gesprächstermin, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Aufgrund von Praxisurlaub zieht sich das aber von Mitte August bis Anfang September. Gerade bin ich nicht böse darum, ich möchte mich mit dem Thema momentan auch gar nicht weiter beschäftigen. Also halte ich Schwangere, Schwangerschaften, Kleinkinder und Babys fern von mir. Die Ferien bieten wieder die optimale Gelegenheit sich ordentlich abzukapseln und mit gar niemandem mehr reden zu müssen.